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Wer entscheidet – Gespür, Gefühl oder Verstand?

Die uralte Frage: Wer entscheidet – Gefühl oder Verstand? In Zeiten der Krise wird ein Problem deutlicher, dem sich jeder fast täglich stellen muß: Warum entscheide ich so und nicht anders? Was bringt mich dazu, die Weichen für die nächsten Jahre meines Lebens in eine eindeutige Richtung zu stellen. Ist es eine Laune? Sind es knallharte Fakten? Wo ist meine Spielraum, wie kann ich mich darauf verlassen, es nicht zu bedauern, so entschieden zu haben?

Vergnüglichster Mailverkehr und einträchtig-harmonische Telefonate können zB nicht darüber hinwegtäuschen, daß unser Gefühl uns getrogen hat, als wir dem Internetdate gegenüber sitzen. Die Daten und Fakten des „Partnerbestellkatalogs“ haben gestimmt, diesmal wurde nichts beschönigt. Und dennoch. In der ersten Sekunde ist klar: das wird so richtig aber auch rein gar nichts. Da braucht’s kein langes Forschen, das Gespür ist untrüglich, sofort da, und nach mehr oder minder lockerem Geplänkel trennt man sich bald wieder und ist um eine Erfahrung in Sachen Verstand reicher. Oder auch nicht.

Die Fülle des Informationsangebots im Internet kommen unserem Bedürfnis nach Kontrolle sehr entgegen. Immer genauer können

Innenschau
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wir prüfen, vergleichen, immer sicherer können wir uns wähnen. Sich Unwägbarkeiten ausliefern zu müssen, wird vermieden wo es geht. Der Verstand ruft schlechte Erfahrungen ab und produziert Vermeidungsangst. Wir wollen weder blöde sein, noch dafür gehalten werden. Und so wird die Vergangenheit bemüht. Schlechte Erfahrungen, die Fehler in unserer Lebensgeschichte, sollen nicht wiederholt werden und sie scheinen bestens geeignet, die eigene Zukunft erfolgreicher ausrichten zu können.

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Wir wollen Kontrolle um fast jeden Preis. Wir sind süchtig nach Kontrolle oder süchtig, weil wir es nicht aushalten, keine Kontrolle zu haben. Und so entwickeln wir sehr rigide Vorstellungen, wie die Dinge laufen sollen. Vorstellungen, die nicht mehr aus dem Augenblick erwachsen, sondern die Enge der Sorgen weiter fort schreiben. Die Annahme, die Erfahrungen der Vergangenheit gäbe uns Sicherheit und wir könnten damit die Zukunft meistern, ist so richtig wie falsch. Sie entbindet nicht davon genau zu prüfen, wie vergleichbar Situationen sind. Aber diese Prüfung findest meist nicht statt. Das Angstgefühl dominiert, die Selbstzensur gräbt sich ein und macht uns immer unbeweglicher.

Wenn wir den Beruf wählen, eine Wohnung mieten, uns für ein Haustier oder ein fremdes Lebensumfeld entscheiden, und natürlich bei der Partnerwahl sind wir gezwungen, eine vollkommen unsichere Entscheidung zu akzeptieren. Keine noch so gründliche Analyse von Fakten kann uns helfen. Wir entscheiden nach dem, was unser Körper uns meldet. Manche nennen es Bauchgefühl oder Intuition, aber eigentlich prüfen wir, ob sich ein klares Körperempfinden meldet. Weil wir keine andere Wahl mehr haben, als den Verstand hintanzustellen – gleichgültig, ob wir das wissen oder akzeptieren – lassen wir das Tier in uns wählen, lassen wir den Leib und nicht das Hirn sprechen. Er spricht nicht in Worten zu uns und richtet sich nicht nach unseren Vorstellungen, aber er will uns wohl. So ist die allgemeine Ansicht. Und meine auch.

In einer Psychotherapie gehen die Ziele dahin, den Patienten zu mehr Selbstbestimmung und Selbstvertrauen zu führen. Aber dabei gelten nicht nur die Wünsche des Patienten als Richtschnur, sondern das wohlverstandene Selbst des Menschen. „Das Selbst zu sein, das man in Wahrheit ist“ (Kierkegaard) beinhaltet eine Entwicklung zum Prozess-Sein, zum Werden, zu mehr Erfahrungsoffenheit und weniger Selbstzentriertheit. Es bedeutet schlicht, daß wir mit uns in besseren Kontakt kommen. Uns spüren, unsere Empfindungen kennen lernen und uns akzeptieren. Wir müssen in der Lage sein zu empfinden, was unsere innere Stimme uns sagt. Wir müssen unterscheiden lernen, ob unser Wunschdenken oder unsere Ängste Regie führen. Wir müssen vor allem lernen, darauf zu vertrauen, daß unsere innere Stimme wahrhaftig ist.

Ich rede bestimmt nicht der blinden Intuition das Wort. Manipulationstechniken versuchen zB meist eine „falsche Intuitionen“ zu wecken. Aber wenn die inneren Dialoge zur rationalen Konsensfindung keine Lösungen finden können, keine Ideen und Leidenschaften, die über den Tag hinausreichen, liefern, dann ist die innere Stimme, das Gespür gefragt. Und das ist ganz körperlich gemeint. Sobald Gespür zugelassen wird, sobald diese Instanz das nötige Training erhalten hat, kann man tatsächlich spüren, wie die innere Reaktion auf eine Entscheidung ausfällt. Man darf nur nicht glauben, daß einem die Reaktionen immer gefallen. Was für uns wirklich gut ist, ist noch lange nicht das, was wir uns „in den Kopf gesetzt“ haben. Und da beginnt der Ärger mit Wissen, Konzepten, Annahmen und Denken. In unserer Gesellschaft steht abfragbare Rationalität viel höher im Kurs als inneres Wissen. Es gibt viele Gründe das innere Wissen, die eigene Tiefe, vor sich selbst zu verbergen. Ich könnte meine innere Stimme auch absichtlich oder „unbewußt“ falsch interpretieren.

Wir spüren es auch beim anderen deutlich, wie er mit seiner inneren Stimme in Kontakt ist. Gleichgültig warum ein Abwehrmechanismus entwickelt wurde, schmerzliche Wahrheiten zu verdrängen, unser Gegenüber läßt sich nicht davon täuschen, daß wir nicht in der Lage oder Willens sind unser Selbst zu interpretieren. Und welche Wohltat ist es, wenn das Gespür für die innere Stimme zu einer wahrhaften Interpretation unseres Selbst führt. Das nennt man dann Integrität. Mit sich selbst im Reinen sein.

Zu erfahren was für einen gut ist, kann sehr weite Bereiche umfassen. Meist betrifft es die eigene Stellung im Verhältnis zu anderen Menschen. Es kann aber auch eingeübt werden, die Verträglichkeit von Nahrungsmitteln auf das momentane Befinden abzustimmen. Die untrügliche Sicherheit in diesem Feld geht jedoch immer mehr verloren. Kaum eine Mütter würde zB beim Gang über den Markt ihrem Kind erlauben, auf dessen Drängen einen Fisch roh zu verspeisen. Die quängelnd geforderte Eiswaffel aber nicht verweigern.

Dem anderen Vertrauen entgegenbringen, ihm angemessen und verantwortungsvoll Eigenständigkeit zubilligen, ist Voraussetzung für Vertrauen zu sich selbst und dem Erkennen der inneren Stimme. Es ist auch Voraussetzung dafür, daß wir wahrhaftes Vertrauen in Gott, dem Dao, der großen Leerheit empfinden können. Blinder Glaube, Fassade, „Eigentlich-sollte-ich-denken“ führt nicht dazu, sich in Freiheit entscheiden zu können.

Da es in dieser Zeit vor allem um eine Geldkrise geht, in der wir Entscheidungen zu treffen haben und wir mit unseren Fehlern umgehen lernen müssen, hier noch ein Zitat vom Wochenende aus berufenem Munde:
„Früher hat es immer geheißen, Zeit ist Geld. Unser Leben ist Geld. Und ich glaube, das ist die große Gefahr unserer Gesellschaft. Und der Clown, er gewinnt aus den Fehlern. Ich meine, wir stolpern, wie Antoschka gesagt hat, oder wir machen Fehler, aber der Fehler ist unser Reichtum und nicht das Geld. Die Fehler sind unser Reichtum, wir lernen aus den Fehlern und das möchten wir den Menschen zeigen, nicht nur darüber lachen, sondern darüber auch noch eine, ich sage mal, innere Weisheit ziehen, einen Gewinn ziehen. Das können wir. Und dann ist auch der Verlust an Geld nicht mehr so schmerzhaft.“ Clowns zur Krise im Deutschlanfunk

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