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Dampf ablassen, entspannen und zur Ruhe kommen

Kalter Jahresbeginn 2010
Kalter Jahresbeginn 2010

Zur Ruhe kommen ist nicht einfach. Auf Straße, Bahn und Flughäfen herrschen schon seit Wochen winterliche Ausnahmezustände. Fahrplanchaos, Verletzungen durch Glätte, eingefrorene Leitungen, der Streusalznotstand ist da und immer noch will uns die polare Kaltluft nicht verlassen. Fürs Wochenende sind erneut heftige Schneefälle angekündigt. Der Winter ist kalt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Die Natur zeigt deutlich, daß der Mensch sich nach ihr richten muß.

Man wird förmlich gezwungen, es etwas ruhiger angehen zu lassen Anfang des Jahres. Termine werden verschoben, das Arbeitstempo ist gebremst. Die winterlichen Gänge dürfen wie feiertags noch etwas länger sein. Und mittlerweile liegt der Schnee fast übers ganze Land so hoch, daß man die Skier auch als Flachländer getrost anschnallen kann, ohne Gefahr zu laufen, sie sich zu zerkratzen.

Seit Jahren war zu Hause keine Gelegenheit fürs Skilanglaufen. Aber es geht. Es geht sogar noch gut. Die rückwärtigen Oberarme sind die Belastungen natürlich nicht mehr gewohnt und beschweren sich, kaum ist der
Anstieg halb geschafft. Aber die kecke Freude bei der nächsten kleinen Abfahrt entschädigt großzügig für die bleiernen Muskeln, die sich dabei auch gleich wieder erholen.

So geht’s zügig dahin. Flott, ganz wie in alten Zeiten, so will es scheinen. Trotz der Minus 7 Grad hat man nicht den Fehler begangen, sich zu dick anzuziehen. Und so wird die ungewohnte Anstrengung nicht allzu schweißtreibend. Der Blick kann schweifen und ist nicht mehr nur bodenverhaftet. Obwohl von Reifen tiefe Spuren zu achtungsgebietenden Gräben in die Waldwege gezogen worden und steinhart, kluftig festgefroren sind, läßt sich das fest verankerte Bewegungsmuster nicht aus der Ruhe bringen. Die Skier wieder gleiten lassen ist einfach schön!

Vergessen ist der ganze Winterärger. Schöne Zeiten leben auf,  gleich kommt die Jugend wieder. Das muß sich doch noch etwas strecken lassen. Noch nicht zurück. Nicht wieder nach Hause. Mehr genießen. Ganz absichtslos wurde der Spaß begonnen, ganz absichtslos wird er verlängert. Die warnende Wichtigtuerstimme hat keine Chance. Sie hat sowas von keine Chance, daß sie sich gar nicht erst die Mühe macht, sich zu erheben. „Was soll ich hier bei so viel Überschwang wohl ausrichten?“, sagt sie sich ganz zu Recht und schweigt. „Laß ihn strampeln, laß ihn juchzen, runter kommt er schnell genug“.

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Die Entscheidung

Es ist schon sehr bemerkenswert, wie viele Fahrzeugspuren man erdulden muß auf diesen stillen Waldwegen. Was machen die hier eigentlich alle? Waldarbeiter sind es nicht. Sind das die Jäger, die ach so giftig werden, wenn man des Wildes Ruhe stört? Auf jeden Fall werden diese Reifenspuren lästig. Ständig muß man ausweichen, die Skier heben, ausbalancieren, sich hektisch stabilisieren. Das wird langsam mühsam. „Oder …… oder werd ich einfach müde?“

Die nächste Talfahrt läßt mich nicht zur Ruhe kommen.

Die nächste Abfahrt ist von oben her nicht ganz  zu übersehen. Ist nicht nur lang und steil, sondern geht auch um die Kurve. Und weil das Skiklamotten-Suchen doch länger dauerte, ist es nun schon dämmrig. Sind diese Reifenspuren da in der Kurve glatt? Oder gehn sie über Kreuz?

Man will den Sturz nie wahrhaben, wenn er beginnt. Eben noch hat man siegessicher das nächste Abenteuer angekurbelt, da ist es auch schon jäh vorbei. Dieser elende Moment, wo die Kontrolle flöten geht. Blitzartig wird der Kontrollverlust erfaßt. Die Gedanken sind noch dabei, retten zu wollen, aber sie hinken dem Ereigniswandel hilflos hinterher. Bei diesem Fall gibt es nichts mehr zu wollen. Wenn da die Automatik nicht reflexhaft, zuverlässig anspringt, wenn das Großhirn erst was raffen muß, ist es längst zu spät. Und so liegt man da. Die Skier wurden durch die Reifenspuren über Kreuz getrieben, und Angststarre und die mittlerweile ganz unmerklich nachlassenden Kräfte verhinderten ein leichtfüßiges Hinübertänzeln. Bums. Auch noch bäuchlings liegt man da. Wie peinlich! Wenn jetzt noch Wildschweine das Grinsen kriegen, wird’s perfekt.

Die eine Hand tut zwar ein büsschen weh, aber sonst sind es eher schmerzende Gedanken, die ihren Groll ausleben. Die Stimmung ist voll satt im Keller. Daß man grad am weitesten vom Hause weg ist, läßt den Heimweg auch nicht besser werden. Auf einmal ist die Leichtigkeit dahin. Nun tritt das Muß der Lust schadenfroh ans Schienbein. Der harte Teil beginnt. Und eigentlich der interessantere. Denn die Gedanken sind so laut, daß sie nicht zu überhören sind. Wenn man bereit ist, kann man nun ganz einfach zuhören. Dieser selbstgerechten Jammerei. Diesem Gewese wegen dieses kleinen Zwischenfalls. Wegen der Anstrengung, die vor einem liegt.

Aus dem Frust, der durch den Übermut entstand, läßt sich was lernen. Wenn man denn will. Und zur Ruhe kommen.

Wenn man es schafft, kann er ganz schnell vorbei sein. Man kann sich lange an dem Frust berauschen, sehr lange. Man tut es manchmal trotzig gern. Oder man kann sich bald entscheiden. Sich entscheiden, in solchen Momenten achtsam zu sein. Sich zuzuhören. Zu akzeptieren. Und vielleicht sogar zu lächeln.

Mit Bewußtheit und Bewegung wieder entspannen

Aber auch, wenn man sich seiner Innenwelt nicht bewußt sein will, bringt einen die Bewegung wieder zur Ruhe. Es mag länger dauern als mit der Achtsamkeit, aber die körperliche Anstrengung wirkt. Weswegen ja auch viele den Sport und die schweißtreibende Verausgabung so schätzen. Dampf ablassen durch schweißtreibende Workouts, ob freiwillig oder notgedrungen erlebt, hat allerlei physiologische Vorzüge zur Folge, wenn sie angemessen ausgeübt werden. Endorphine und andere „happy hormones“ helfen dabei, Frust und Stress abzubauen. Aber eine Entscheidung ist simpler. Wenn man denn dazu fähig ist. Sich zu entscheiden zu lächeln.

Bei all den angsteinflößenden Prognosen fürs Krisenjahr ist es mindestens ebenso wichtig, achtsame Entscheidungen zu treffen, wie achtsam mit Frust umzugehen. Versuchen zu erspüren, wie und ob man sich in Gedanken hinreißen läßt. Von seinen Sorgen fortgetragen wird. Das ist nicht immer möglich, aber meist öfter, als man zunächst denkt, wenn man bereit ist, immer wieder einen Augenblick innezuhalten. Ganz bewußt den Atem ruhig fließen zu lassen und zu entspannen.

Wenn der Heimweg anstrengender geworden ist, als man vermutete, heißt das noch lange nicht, daß man die letzte Abfahrt im Dunkeln nicht doch schafft. Man schafft viel mehr, als die Angst einem einreden will. Man kann wohlgemut bei sich ankommen. Und wieder  zur Ruhe kommen.

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