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Der Depression davon. Die allmähliche Verflüchtigung des Grolls beim Gehen

Eben saß man brütend auf dem Sofa,  Depression und Seelenpein ließ trotz besten Wetters nur düstere Wolken aufkommen und von irgendeinem Licht am Ende des berühmten Tunnels war weit und breit nichts zu spüren. Schwere Müdigkeit, eher bleiernes Unlustgefühl wollte mit aller Macht den weiteren Tag bestimmen, aber… Ja, aber. Ein klitzekleiner Rest Lebenstrotz gewann die Schlacht kurz vor der Kapitulation. Der Fernseher blieb aus, die Notpizza wurde nicht heiß umluftet und Bier war eh nicht angesagt. Es wurde auch keine megawichtige Website mehr aufgerufen und kein brandneues Buch zur Ablenkung oder Zerstreuung hergeholt. Nein.

Der Depression davon gehen
Kalt doch sehr belebend

Mit Licht die Depression langsam auf Schönwetter drehen

Dieser ganz eigenwillige Vernunftsquerkopf sagt: „Geh raus!“ Und irgendwie ist heute der Tag zu gehorchen.  Die innere Stimme darf sich melden, wird akzeptiert und befolgt. Noch etwas widerwillig wird in zweckmäßige Kleidung  geschlüpft, die  Schuhe haben wieder ihren ganz  direkten Draht zum Kreuz und dann…  Auf einmal betritt man eine andere Welt.

Die zart-frostige Brise vor der Tür vertreibt augenblicklich jeden Muff. Letzte Suchtimpulse wollen zwar noch den Zwergenaufstand proben, locken verführerisch mit weicher Stubenwärme, aber es ist einfach nur noch lächerlich.  Ja. Diese stechende Frische ist heute dran. Die wollen wir haben. Sollen sich die verwöhnten Haare in der Kälte ruhig erstmal  entrüstet aufstellen. Die Gänsehaut wird schon verschwinden. Jetzt wird marschiert. Jetzt werden wir’s den faulen Gliedern mal wieder richtig geben.

Und während wir noch ganz damit beschäftigt sind, uns von dem heeren Vorsatz selbst ganz zu überzeugen, geschieht unmerklich Seltsames. Ob nun Bewegung oder helles Licht das Stimmungsbarometer langsam auf Schönwetter dreht, vermag ich nicht zu sagen. Leichtigkeit beginnt sich breitzumachen. Trotz schwerer Stiefel, steifer Kleidung und noch  nicht wieder ganz geölten Gelenken fällt das Fortkommen draußen leicht. Sehr viel leichter als vom Bett zum Frühstückstisch. Es ist kein Wille mehr von Nöten, es läuft sich wie von selbst. Das Drehen im Hamsterrad des Kopfes hat ein Ende. Entdeckung nach Entdeckung stürmt auf uns ein. Im engen Raum verbiesterter Gedankenwelt herrscht Durchzug. Frische bahnt sich unbarmherzig ihren Weg zum Blut. Und alles völlig still.

Der Depression davon gehen
Draussen aktiv sein

Aktiv werden – nicht immer nur denken

Wir haben  noch immer nicht ganz bemerkt, was sich da tut. Schritt für Schritt kommt der Kreislauf mehr auf Touren. Die Düsternis der Depression verblasst. Keine neuen Lösungen zu drängenden Problemen haben sich bisher ergeben, aber dennoch kehrt die Zuversicht und Leichtigkeit zurück. Das Sein im Jetzt gewinnt den Raum zurück. Schritt für Schritt erleben wir. Was drinnen nur noch Kopf war, wird wieder Leib.  Die Sinne dürfen wieder leben, spüren, Anteil nehmen. Es wird nicht nur immerzu gedacht.

Und auf einmal werden wir gewahr, wie lebendig wir sind. Es läßt sich nicht mehr leugnen, daß wir nun besser sind. Ungläubig wollen wir den alten Groll noch immer halten, aber er läßt sich nicht so recht mehr greifen. Schritt für Schritt haben wir uns richtungslos von ihm entfernt. Ohne Absicht hat sich das Festhalten verflüchtigt. So wie das Licht uns traf, wie die Aktivität unser Wesen zum Erwachen brachte, eröffnen sich auch neue Perspektiven.

So stößt man frei nach Kleists:  „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“
wenige Schritten hinter der eigenen Haustür auf dieses seltsame Phänomen des Wiedererwachens:  Der allmählichen Verflüchtigung des Grolls beim Gehen.

2 thoughts on “Der Depression davon. Die allmähliche Verflüchtigung des Grolls beim Gehen

  1. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Viel häufiger als Groll machen mir düstere Gedanken das Leben schwer. Meine Entschlusskraft, dagegen etwas zu tun, wird dann erheblich beeinträchtigt. Genauso ist es, wenn ich mir zu viel Bettruhe gönne. Zuerst ist es schön, nicht aufstehen zu müssen, aber dann jagt ein sorgenvoller Gedanke den anderen. Ich fange an, mich immer unwohler und nutzloser zu fühlen, bis ich so niedergeschlagen – manchmal auch wütend – bin, dass ich unbedingt und sofort aufstehen muss. Sobald ich meinen Tagesrhythmus wiedergefunden habe, ist alles wieder gut. Wenn ich mich dann auch noch zu einem Gang an die Luft aufraffen kann, umso besser. Nach spätestens 100 Schritten spüre ich, dass mir genau das gefehlt hat.

    Normalerweise bin ich viel zu sehr am Grübeln; ein unendliches Kreisen um mich selbst und meine Befindlichkeiten. Fast jeder Aufenthalt draußen entwickelt sich zu einer Art Meditation. Das gefällt mir gut. Ich fühle, dass ich Teil eines großen Ganzen bin, dass meine Probleme längst nicht so bedrückend sind, wie ich annahm. Alles wird größer, weiter, leichter. Der Blick wird freier, richtet sich auf.

    Mir gefällt Ihr Artikel und ich finde Ihre sehr treffend und humorig formulierten Beobachtungen ermutigend. Ich bin gespannt und begierig darauf, mehr von Ihnen zu lesen.
    Lu Sander

  2. Sehr, sehr schön Dein Text und noch dazu wahr !! Super !!
    Schreib ruhig noch mehr davon !
    Thérèse

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