Qi Gong üben – nicht trainieren
Kommt man vom Mannschaftssport oder einer Einzeldisziplin so wird man den Begriff des “Übens” eher nicht verwenden. Man trainiert, spielt frei oder in Vorbereitung eines Wettkampfs. Das Training ist auf ein messbares Ergebnis ausgerichtet. Man will schnellere Zeiten, bessere Schlagtechniken oder mehr Tore erreichen. Selbst wenn nur zum Spaß gespielt oder gelaufen wird, haftet dem Sport, den man trainiert ein mehr oder weniger ausgeprägtes Element des Wettbewerbs oder Vergleichs mit anderen Ausübenden an.
Qi Gong dagegen betreibt man völlig anders. Man übt grundsätzlich für sich allein. Nicht, daß man nicht auch gemeinsam mit anderen Qi Gong in einer Gruppe üben könnte, aber dennoch ist man beim üben für sich. Man ist in dem Sinne allein, daß man mehr seiner inneren Bewegung nachspürt, als daß man mit der Bewegung ein Ziel erreichen will. Das geht soweit, daß man gar keine Bewegung mehr ausführt, wie z.B. Im Stillen Qi Gong.
In der Regel beginnt man jedoch das Üben des Qi Gongs mit einfachen Bewegungen eines festgelegten Bewegungsablauf, also einer so genannten Form, die aus aus mehreren Bewegungsbildern besteht. Jedes Bewegungsbild ist zwar einfach, ja sogar meist sehr einfach gehalten, spricht jedoch oft mehrere Gliedmaßen oder Körperregionen gleichzeitig an. Und genau hier liegt die Komplexität, die das scheinbar so einfache des Qi Gongs so anspruchsvoll macht.
Versuchen Sie gleich mal folgende Übung:
Rücken Sie mit ihrem Stuhl soweit vom Tisch und Ihrem Computer weg, daß Sie Ihre Arme bequem vor sich heben können oder stellen Sie sich bequem hin. Heben Sie jetzt den rechten Arm mit herabhängender Hand bis genau in Schulterhöhe und lassen dabei den linken Arm ganz und gar entspannt hängen. Nun wechseln Sie die Positionen der Arme mit einer gleichmäßigen und sanften Bewegungvorauseilten nur höhere Teuerung schlechteren kann sich nicht immerzu wieder neue überlegen. Dabei sollten die Endpunkte der Bewegung absolut gleichzeitig erreicht werden. Das heißt, wenn das linke Handgelenk mit entspannten Fingern punktgenau Schulterhöhe erreicht hat, sollte die rechte Hand ihre maximale Entspannung erreicht haben. Probieren Sie es ein paar Mal.
Selbst ohne Spiegel werden sie schnell feststellen, daß Sie die Endpunkte beider Armbewegungen nicht gleich synchron erreichen können. Meist hat man auch kein so ausgeprägtes Selbstbild, daß man mit seinen Handgelenken genau die Schulterhöhe erreicht. Ihre Körperwahrnehmung entspricht also nicht genau dem was sie tun. Diese Diskrepanz besteht bei jedem, aber nicht im gleichen Maße. Je genauer Sie gleichzeitig beide Bewegungsendpunkte präzise ansteuern können, desto geübter sind Sie im Erspüren Ihrer Bewegungswahrnehmung, desto genauer können Sie Spannung und Entspannung sich selbst regulieren lassen.
Im Qi Gong versucht man genau dies zu erlernen. Es geht nicht nur um das Erlernen einer langsamen und ach so sanften Bewegungsabfolge. Die Langsamkeit der Bewegung dient lediglich dazu, die Aufmerksamkeit anfangs leichter zu fokussieren. Zunächst zB auf das loslassen eines Gelenks, die Ausrichtung eines Armes, das entspannen des Nackens. Nachdem eine Form mit verschiedenen Bewegungsmustern ohne Vorbild alleine ausgeführt werden kann, nimmt man die Bewußtheit auf den Atemverlauf hinzu. Und schließlich schließt man auch die Achtsamkeit auf das Gedankenspiel mit ein. Qi Gong kann je nach Übungsvorgabe sehr weit oder auch sehr kurz reichen. Wie man übt, hängt einzig von der inneren Ausrichtung ab, der man sich jeweils zu Beginn des Übens – bewußt gemacht oder nicht – verschrieben hat.
Daher auch die Übersetzung zu Qi Qong – “Arbeit an/mit der Energie bzw dem Fließen der Energie”. Man kann mit Qi Gong seine Muskulatur und seine Flexibilität stärken und verbessern. Man kann damit aber auch seinen Geist “trainieren”. Man kann sich physikalistisch oder ganzheitlich ausrichten. Es kommt nur darauf an, was man beim Üben im Sinn hat.

